Zur Geschichte der Glasmusik

(Mozart KV617)

Ein berühmtes Beispiel: W. A. Mozarts Rondo für Glasharmonika und Kammerensemble KV 617

Wer hätte nicht schon einmal selbst versucht, einen kristallklar glänzenden Weinkelch singen zu lassen? Rasch wird ein Finger benetzt und auf den Glasrand gelegt, und nach einigen Sekunden beginnt das Glas zu schwingen... in einem unverwechselbaren Ton, rein und glanzvoll wie das Glas, dem er entstammt.

Vielleicht wird dann ein Tischgenosse auch seinem Kelch einen Klang entlocken - und wenn in diesem noch etwas Wein verblieben ist, so entsteht ein anderer, tieferer Ton. Durch Zugießen oder Abtrinken lassen sich die beiden Kelche schließlich so aufeinander abstimmen, daß sie in einem harmonischen Akkord schwingen: Musik liegt in der Luft.


Verrillon Kaum jemand weiß jedoch, daß solche Glasmusik nicht nur im Wirtshaus, sondern auch in den Konzertsälen der Welt beheimatet ist. Schon im späten Mittelalter begeisterten Spielleute ihr Publikum mit Instrumenten aus Glas; die zahlreichen aufeinander abgestimmten Kelche wurden mit Klöppeln angeschlagen oder mit einem feuchten Finger angespielt.

Ein solches Glasspiel ist bereits in Gaffurios "Theoria Musicae" von 1492 dargestellt; das älteste erhaltene Instrument (datiert um 1594) befindet sich in der Sammlung von Schloß Amras bei Innsbruck. Besonders verbreitet war das Glasspiel oder Verrillon (frz. le verre = das Glas, le carillon = das Glockenspiel) in Böhmen und Schlesien.


In der ernsten Musik war der Klang des Glases jedoch zuerst in England zu hören. Richard Pockrich erregte in den 1740er Jahren Aufsehen mit seinem Glasspiel, auf dem er nach einem zeitgenössischen Bericht sogar Händels Wassermusik interpretierte. Dabei entlockte er den Gläsern einen besonders zauberhaften Klang, indem er die freien Ränder mit wasserbenetzten Fingern anstrich.

Diese Glasmusik wurde rasch populär, sie schien den Nerv der Zeit zu treffen. Unter den bald zahlreich auftretenden Musikern befand sich auch Christoph Willibald Gluck, der später als Opernkomponist Berühmtheit erlangen sollte. Enthusiastisch versprach er in einer Konzertankündigung, "auf 26 mit Quellwasser gestimmten Gläsern alles auszuführen, was auf einer Violine oder einem Cembalo gespielt werden kann".


Königin der Glasinstrumente: Franklins "Armonica" 


Die eigentliche Blüte der Glasmusik begann mit einer Erfindung des Amerikaners Benjamin Franklin. Tief beeindruckt von einem Konzert des Glasvirtuosen Edmund Delaval, suchte er nach einer technischen Verbesserung des doch recht unhandlichen Glasspiels. So erklärte er in einem Brief von 13.7.1762 an den befreundeten Physiker Pater Giovanni Battista Beccaria in Turin:

"Entzückt von der Süße der Töne und der Musik, welche er darauf hervorbrachte, wünschte ich nur die Gläser in einer günstigeren Weise angeordnet zu sehen, und auch enger zusammengestellt, um so eine größere Anzahl von Tönen zu ermöglichen, und all das bequem erreichbar für den vor dem Instrument sitzenden Spieler."

Glasharmonika Franklin verwendete 24 Glasglocken, die physikalisch auf die gewünschten Tonhöhen zugestimmt worden waren. Die Glocken wurden ineinander geschoben und auf einer horizontalen Achse befestigt, welche über einen Pedalantrieb in Rotation versetzt werden konnte. Der Spieler brauchte nun nur noch die nassen Finger gegen die rotierenden Glasränder zu drücken. Durch die Nähe der Glasränder zueinander wurde überdies die Ausführung schnellerer Läufe und mehrstimmiger Akkorde wesentlich vereinfacht. Franklin selbst schreibt:

"Die Vorzüge dieses Instruments sind, daß es von unvergleichlich sanftem Ton ist wie kein anderes; daß die Töne, je nachdem man die Finger mehr oder weniger stark aufdrückt, zu- und abnehmend und nach Belieben lang ausgehalten werden können, und daß endlich das Instrument, wenn einmal rein gestimmt, nie mehr nachgestimmt werden muß."


Ihren Siegeszug durch Europa trat die Glasharmonika 1764 an, gespielt von Marianne Davies aus London. Für Zuhörer und Komponisten gleichermaßen faszinierend, wurde sie bald ein Lieblingskind des "empfindsamen Zeitalters". Friedrich Schiller schrieb über ihre "mächtige Wirkung", Johann Wolfgang Goethe hörte gar "das Herzblut der Welt" aus den Kelchen.

 Von Johann Adolf Hasse ist uns die erste Komposition für Glasharmonika überliefert; eine Vielzahl anderer Tonsetzer folgte. Die großartigsten Werke wurden schließlich von Wolfgang Amadeus Mozart - noch in seinem Todesjahr - verfaßt: das oben erwähnte Adagio für Glasharmonika solo sowie ein zweisätziges Quintett für Glasharmonika, Flöte, Oboe, Bratsche und Cello, geschrieben für die bedeutendste Virtuosin seiner Zeit, Mariane Kirchgessner.


Mit der Entwicklung des Symphonieorchesters hin zu immer stärkerer Besetzung geriet der zarte Ton der Glasharmonika jedoch bald nach der Jahrhundertwende wieder in Vergessenheit. Große Komponisten verlangten zwar immer wieder ihre unvergleichliche Wirkung in der Bühnenmusik, so z.B. Ludwig van Beethoven ("Leonore Prohaska"), Gaetano Donizetti ("Lucia di Lammermoor") und schließlich Richard Strauss ("Frau ohne Schatten").

 Doch gab es immer weniger Glasbläser, die sich auf die Herstellung der fein abgestimmten Glocken verstanden, und unter den Musikern war das Instrument nach seiner Verwendung durch den Psychiater Franz Mesmer als nervenschädigend verrufen. So mußten die Harmonikaparts zunehmend von anderen Instrumenten - Flöten, Celesta - übernommen werden.


Erst in unserem Jahrhundert wurde die Glasmusik wiederentdeckt. Neue Entwicklungen wie die Glasharfe oder das Verrophon erlauben uns heute, die Werke des empfindsamen Stils so zu interpretieren, wie dies von ihren Urhebern vorgesehen war. Die Möglichkeiten dieser Instrumente übersteigen insbesondere bezüglich der Dynamik diejenigen der Glasharmonika, die heute ebenfalls wieder hergestellt wird.

Inzwischen haben sich auch zeitgenössische Komponisten wie Harald Genzmer der neuen Instrumente angenommen, und einige Musiker, vor allem in Deutschland und Nordamerika, haben die Glasmusik in die Konzertsäle zurückgebracht - zum großen Erstaunen der Zuhörer, denen der unvergleichliche Klang des Instrumentes nun wieder begegnet.


Leopold Röllig prophezeite 1787 in seinem Fragment "Über die Harmonika":

"Die Wirkung dieses Instruments grenzt ans Fabelhafte, und es ist wahrscheinlich, daß, wenn es wieder verloren gehen sollte, die Erzählung davon für die Zukunft das sein würde, was die Geschichte der Leier des Orpheus für uns ist."

Dies zu verhindern ist unser Ziel.